Verhalten bei Stress (Yerkes Dodson)

Musstest Du schon einmal bis „morgen früh“ eine Präsentation fertig machen, hast sogar eine Nachtschicht eingelegt und am nächsten Tag ist der Punkt im Meeting gar nicht besprochen wurden? Dann hast Du vermutlich das Gesetz von Yerkes Dodson in Aktion erlebt.

Vor einiger Zeit hörte ich einen Vortrag zu diesem Thema und mir wurde bewusst, warum in meinem Alltag immer wieder Dinge passieren, die ich im Nachhinein lieber anders gelöst hätte.

Grafik; X-Achse: Grad der Anspannung; Y-Achse: Produktivität

Quelle: Wikipedia

Die Theorie

Je mehr Stress wir erfahren, desto weniger produktive bzw. kreative Leistung erbringt unser Gehirn. Wir fokussieren uns fast ausschließlich auf den jeweiligen Stressor und wie wir ihn überwinden: Ein schnelles Ergebnis, selten nachhaltig und überlegt.

Die Ursache dafür sind unsere Instinkte. Diese sind heute noch geprägt durch Überlebensstrategien, die über Jahrtausende erfolgreich waren. Diese sind im „ältesten“ Teil des Gehirns, dem Hirnstamm beheimatet. Gelegentlich findet sich auch der Begriff „Reptiliengehirn“ dafür. Dieser Teil ist für die Verarbeitung von Sinneseindrücken, elementare und reflexartige Steuermechanismen und motorische Grundfunktionen zuständig. Dazu gehört auch „Fight or Flight“ (also Laufen, Kämpfen oder Totstellen). Sowohl zum Kämpfen als auch zum Laufen wird zusätzliche Energie in den Muskeln benötigt, der Blutfluss bringt Sauerstoff und transportiert Abfallprodukte weg.

Im Gegensatz dazu übernehmen Groß- und Kleinhirn überwiegend bewusste Funktionen wie Sprache oder rationale Entscheidungen oder unser Vorstellungsvermögen. Das Gehirn ist ebenfalls energiehungrig und verbraucht laut Wikipedia ungefähr 20% unseres Grundumsatzes.

Energiebilanz

Wenn wir davon ausgehen, dass wir nicht ständig alle Funktionen unseres Körpers mit ausreichend Energie versorgen können, muss der Körper Prioritäten setzen.
Die Entscheidung erfolgt jedoch nur in den wenigsten Fällen rational. Empfinden wir Furcht, dann greifen wir auf Strategien oder Instinkthandlungen zurück, die solange unser Überleben gesichert haben: u.a. Fight or Flight.

Die zusätzlich verwendete Energie in den Muskeln steht dann an anderer Stelle nicht mehr zur Verfügung.
In der Vergangenheit waren Bedrohungen meist überlebensrelevant. Im Angesicht eines Raubtiers konnten bereits Millisekunden über Leben und Tod entscheiden. Laufen oder Kämpfen war hier erfolgsversprechender als erst einmal nachgrübeln, ob der Säbelzahntiger jetzt wirklich gefährlich ist.

Die heutige (Projekt-) Welt

Heute sind die Auswirkungen unserer Entscheidungen typischerweise nicht mehr existenzbedrohend. Dennoch empfinden wir Furcht, wenn wir nicht wissen, ob eine Entscheidung im Projekt zum Erfolg führen wird. Wir empfinden Existenzangst, wenn die Aktien in unserem Depot an Wert verlieren. Jetzt das zu tun, was uns als erstes in den Sinn kommt – die Entscheidung hinauszuzögern und erst einmal alles beim Alten/Gewohnten zu belassen, oder die Aktien verkaufen, um den Verlust zu begrenzen und künftig nur noch Tagesgeldkonten zu verwenden – kann sich langfristig als ungünstig erweisen.

Die Theorie ist zwar ganz nett, hilft uns jedoch selten. Gerade wenn der Projektleiter Freitagabend anruft, damit wir bis Montagmorgen die Präsentation fertig machen. Immerhin sind wir soziale Wesen und um unsere Beziehungen bemüht. Andere Menschen wollen wir nicht enttäuschen.
Der Fokus des Projektleiters liegt darauf, sein Problem zu lösen. Er ruft Dich an, am besten regelmäßig, fragt nach dem Status, fragt, ob er Dir helfen kann etc. Damit steigt Dein Stresslevel und Du fokussierst Dich darauf, jetzt dieses Problem zu lösen. Das andere Projekt, was vielleicht deutlich größer und wichtiger ist, dessen Projektleiter jedoch gerade nicht bei Dir anruft, verliert für den Moment an Bedeutung. Zumindest solange bis Du hier mit Deiner Arbeit ins Hintertreffen kommst und Dein Telefon klingelt. Ein Teufelskreis?

Was kannst Du tun?

Ich habe einmal gelesen, dass die Entscheidung, ob nachgedacht werden muss, zu treffen ist, bevor nachgedacht werden muss. Im Sport trainieren wir Strategien, Spielzüge und Situationen immer und immer wieder, damit wir unter Stress dann hoffentlich darauf zurückgreifen können. Wieviel wird bei Dir im Job trainiert (Seminare, Coaching, Feedback, …), damit Du optimal vorbereitet bist?

Wenn wir der 10.000 Stunden Regel Glauben schenken, dann benötigen wir 10.000 Stunden Übung, um in einem Gebiet Experte zu werden. Beim Basketball zum Beispiel, brauchst Du zu Beginn Deine gesamte Aufmerksamkeit für den einzelnen Bewegungsablauf. Du kannst Dich nur wenig um das Spiel und Deine Mit- und Gegenspieler kümmern. Je mehr Routine Du im Ablauf hast, desto mehr Kapazität hast Du, um andere zu beobachten und zu reagieren. Hast Du Dir am Anfang lange vorher überlegt welchen Spielzug Du ausführen willst, kannst Du nun immer mehr variieren.

Vielleicht ist die Entscheidung nicht immer optimal. Doch irgendwann läuft es „wie im Schlaf“. Du überlegst im Vorfeld, was Dein Gegner tun könnte, woran Du es erkennst und was Du dann tust. Du wirst immer schneller, aufmerksamer und damit auch selbstsicherer.

Überlege Dir vorher, was Dich dazu veranlassen könnte, erst einmal innezuhalten und Dir eine Strategie zu überlegen, anstatt Dich gleich in die Arbeit zu stürzen. Vielleicht ein Ritual, eine Notiz am Monitor, …?

Fazit

Es ist nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist viel Zeit, die wir nicht nützen.

— Lucius Annaeus Seneca

Ich beobachte immer wieder, dass im beruflichen Alltag manche Dinge als sehr wichtig eingestuft werden und im nächsten Moment sind sie völlig vergessen.
Vielleicht ist dieser Artikel für Dich ein Anreiz, häufiger zu reflektieren, welche Deiner Aufgaben langfristig einen Mehrwert für Dich und Dein Unternehmen bringen und welche nur aufgrund der nahenden Abgabe im Fokus liegen. Denn Aktivität bedeutet nicht gleich Produktivität.

Wenn Du Fragen oder Anregungen zu Yerkes Dodson hast, dann schreib mir gern eine E-Mail.